Schwacher Sound & Video-Verbot | Puddle of Mudd im SO36

Ihre Goldenen Schallplatten liegen schon ein paar Jahre zurück; ihre größten Erfolge feierten Puddle of Mudd zwischen 2001 und 2004, als sie mit Bands wie Nickelback und 3 Doors Down unter der Genrebezeichnung „NuRock“ eine Postgrunge-Welle lostraten. Danach wurde es still um Sänger Wes Scantlin, doch nach einer weiteren Erfolgssingle im Jahr 2007 („Psycho“) und etlichen Neubesetzungen touren Puddle of Mudd wieder um die Welt. Gestern, am 5. Juni 2012, legten sie dabei auch einen Zwischenstopp in Berlin ein.

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Dear Superstar © Veronika Streit

Dear Superstar © Veronika Streit

Eingeläutet wurde der Konzertabend im SO36 mit einem Auftritt der britischen Band Dear Superstar, welche das Publikum mit einer Mischung aus Hardrock, Oldskool-Punk und Indie-Metal aufwärmte. Sänger Micky Satiar, der wie eine nette Kopie von Boybandrüpel Jay Khan wirkte, gab alles auf der Bühne, bezog das Publikum immer wieder in seine energiegeladene Show mit ein, ließ es den Refrain von „Sirens“ („Rip it up, rip it up“) laut mitsingen und begeisterte Frauen wie Männer, indem er mit den weiblichen Fans in der ersten Reihe flirtete und ihre männlichen Begleiter bei „Brothers In Blood“ dazu animierte, ihre langen Haare wie bei einem Van-Halen-Konzert in der Luft kreisen zu lassen. Kurzum: Micky Satiar und seine Band Dear Superstar machten am 5.6.2012 im SO36 alles richtig.

Vielleicht hätte sich Puddle-of-Mudd-Sänger Wes Scantlin mal eine Scheibe von der Performance seiner Vorband abschneiden sollen, denn bis auf eine kurze deutsche Begrüßung („Was geht?“) spürte man im ersten Teil des Konzerts wenig von dessen Präsenz. Weder hörte man ihn aufgrund des miserablen Sounds besonders gut noch sah man ihn hinter seiner langen Haarpracht, die ihm die meiste Zeit wirr im Gesicht hing. Obwohl sich die Bühnentechniker beim Soundcheck sehr viel Zeit gelassen hatten und das Konzert so erst um 22:15 Uhr begann, war der Klang während des Auftritts leider alles andere als optimal: Wer direkt vorne an der Bühne stand, hörte den Gesang überhaupt nicht; in der Mitte des Clubs war das zwar besser, aber insgesamt wirkte dennoch alles übersteuert und zu laut. Dass es im SO36 auch besser geht, bewiesen erst kürzlich Subsonica bei ihrem ersten Deutschland-Konzert am 19.3.2012 (wir berichteten). Mag sein, dass Puddle of Mudd trotzdem nichts für den schlechten Sound können – immerhin sind sie alle Vollblutmusiker, die ihre Instrumente beherrschen; wofür sie aber sehr wohl etwas können, ist die Show, und die war gelinde gesagt zum Gähnen. Nahezu bewegungslos stand vor allem Wes Scantlin, der sich die meiste Zeit hinter seinen herunterhängenden Haarsträhnen versteckte, auf der Bühne. Die meisten ihrer Songs spielten Puddle of Mudd emotionslos herunter und interagierten kaum mit dem Publikum.

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Wes Scantlin (Puddle of Mudd) © Veronika Streit

Wes Scantlin (Puddle of Mudd) © Veronika Streit

Ironie des Schicksals: Ihre ersten Auftritte in Europa hatten die US-Amerikaner damals im Vorprogramm von Linkin Park. Genau die wiederum hatten ihre Fans am gestrigen Abend kostenlos zum Telekom Street Gig in den Admiralspalast geladen, um ihr brandneues Album „Living Things“ zu promoten. Und wer schon einmal ein Linkin-Park-Konzert besucht hat, der weiß, dass die sechs Kalifornier immer eine super Show liefern.

Doch zurück ins SO36: Dort trieb an diesem Abend auch ein „Aufpasser“ sein Unwesen, der penibel dafür sorgte, dass niemand Konzertmitschnitte mit dem Smartphone oder mit der Digi-Cam machte. Auch Fotos mit Blitz waren tabu. Während Letzteres noch verständlich ist (schließlich nervt das Geblitze, und besser werden die Fotos durch den Blitz sowieso nicht), bleibt fraglich, was am Aufnehmen eines Videos in schlechter Handyqualität als Erinnerung an einen Konzertabend so verwerflich sein soll. Klar, „Musikrechte!“ hört man da die GEMA-Bosse rufen, aber mal ehrlich: Handys sind keine 3D-Videokameras, und was ist so schlimm daran, wenn sich Fans nach dem Konzert auf Youtube noch mal ein paar verwackelte Videoaufnahmen ihrer Lieblingslieder anschauen wollen?

Shannon Boone (Puddle of Mudd) © Veronika Streit

Shannon Boone (Puddle of Mudd) © Veronika Streit

Abgesehen vom Videoverbot, dem nicht ganz so berauschenden Sound und der lethargischen Grundhaltung des Puddle-od-Mudd-Gründers und Leadsängers Wes Scantlin versuchte immerhin der Rest der Band, für Stimmung zu sorgen: ob Douglas Ardito am E-Bass, der auch mal auf die Boxen kletterte und dort weiterspielte, oder Drummer Shannon Boone beim fulminanten Drum-Solo vor der Zugabe. Auch die Songauswahl war gut gemischt. Neben einigen neuen Songs spielten Puddle of Mudd vor allem ihre Klassiker, darunter gleich zu Beginn „Control“, außerdem ihre Hitsingles „Blurry“, „Away From Me“ und „Psycho“, die die Fans auch sehnsüchtig erwarteten. Das spürte man spätestens bei der obligatorischen Zugabe, bei der ihr Nr.-1-Hit „She Hates Me“ natürlich nicht fehlen durfte und von den Fans lauthals mitgesungen wurde. Allerdings war nach nur 75 Minuten auch schon wieder Schluss. Immerhin nahmen sich die Amerikaner später aber noch Zeit, Autogramme zu schreiben. Trotzdem: In die Hitliste der „Legendärsten Konzerte“ wird dieser Abend wohl nicht eingehen. Vielleicht sollte Wes Scantlin das nächste Mal weniger „Stoned“ und dafür mehr „T.N.T.“ sein.

Veronika Streit

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