Alles andere als trostlose Torten | Tonträger in der Junction Bar

Sie sind durchaus keine Newcomer mehr in der Berliner Musikszene – Tonträger bringen es bereits auf vier Alben, eine nigelnagelneue EP sowie einen Sieg beim BerlinVision Song Contest 2010. Und auch in der Junction Bar sind die vier keine Unbekannten mehr – vor knapp drei Jahren traten sie hier zum ersten Mal auf – damals noch als Support für Aquired Grooves. Am 28.04.2011 waren sie allerdings selbst die Hauptakteure auf der schummrigen Kellerbühne – und spielten jede Menge neuer Songs ihres in Kürze erscheinenden Albums „Trostlose Torten“.

Kurz vor 22 Uhr: Ein Blick ins Publikum lässt zunächst vermuten, dass hier gleich ein neuer Backstreet-Boys-Klon auftritt, doch der Schein trügt: Die zahlreichen jungen Mädchen sind nicht in die Junction Bar gepilgert, um ihren Idolen Plüschtiere auf die Bühne zu werfen (nur ein weißes Strickjäckchen verirrt sich später dorthin), nein, die vorwiegend weiblichen Gäste bevölkern den Live-Club allein deshalb, weil sie wissen, dass ein Abend mit Tonträger für beste Laune sorgt, zum Mittanzen animiert und nebenbei noch ein hocheffizientes Lachmuskeltraining bietet.

Ja, gut – ein kleines bisschen gut sehen die vier schon aus, und es mangelt ihnen auch ganz sicher nicht an jungenhaftem Charme, aber wenn überhaupt, dann erinnern sie eher an die Beatles als an eine zusammengecastete Teenie-Boyband. Und das nicht nur wegen der ähnlichen Frisuren oder weil sie zu viert sind – nein – auch musikalisch gibt es einige Parallelen zu den Fab Four. So erhält der eingängige Rock’n’Roll-Sound durch Johannes’ Keyboard-Parts noch eine zusätzliche boogie-woogiehafte, verspielte Note. Dass Tonträger dennoch nicht mit den Beatles tauschen möchten, besingen sie in ihrem spaßig-spritzigen Ohrwurm „Cry Shin Dismatchin’“ (lies: Kreischendes Mädchen), in welchem sie feststellen, dass „Help“ womöglich der verzweifelte Hilferuf eines von Heerscharen kreischender Mädchen verfolgten John Lennon war und aufstrebende Rockbands ganz schnell zu Sklaven der Musikindustrie werden, wenn sie sich mit den falschen Produzenten einlassen. Dass Tonträger sich ganz und gar nicht von diesem „beschissenen Business“ zermürben lassen, machen sie von Anfang an deutlich, denn ihre Songs strotzen nur so vor witzig-kreativen Reimen, die mal trotzig und mal süß, doch vor allem immer wieder überraschend unerwartet sind.

Dass die Berliner weder Shouter in Black-Metal-Bands noch Indierockschmalzschnulzen und am wenigsten sich selbst ernst nehmen, spürt man von der ersten Minute an. Selbst die Text-Blackouts im ersten Teil der Show können dem Spaß am Spielen keinen Abbruch tun – im Gegenteil, Johannes’ Fazit nach „L’amour“ („Total verkackt!“) heizt die Stimmung nur noch mehr an. Kurz vor der Pause erklären die vier dem amüsierten Publikum dann, dass die Textpatzer und verpassten Einsätze selbstverständlich alle beabsichtigt waren, damit die neuen Lieder, die sie im zweiten Konzertteil zum Besten geben, besser zur Geltung kommen. Tatsächlich wirken Tonträger nach der Pause etwas konzentrierter, sorgen aber mit Aussagen wie „Wir schielen jetzt alle mal ein bisschen“ während Johannes’ psychedelischen Keyboard-Intros von „Mein Testament“ nicht für weniger Lacher als zuvor. Bei ihrer Hauptstadt-Hymne „Die Stadt bin ich“ müssen sie sich letztendlich doch wieder den Text von eingefleischten Fans vorsagen lassen, doch vielleicht werden die Rock’n’Roll Ladys in der ersten Reihe ja am Ende noch angemessen belohnt. Mit Aussagen wie „Nachher, oh yeah, gehen wir zu mir, vielleicht passiert da mehr“ nehmen Tonträger in ihrer Zugabe jedenfalls kein Blatt vor den Mund – und das ist auch gut so! Schließlich soll ihr neues Album „Trostlose Torten“, dessen Release-Party am 11. Juni im Frannz Club in der Kulturbrauerei steigt, nicht weniger tabulos, frech und funky sein als sein Vorgänger „Späm“.

Veronika Streit

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