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Heimatkunde

Allein unter Touristen

Im Jahr 2008 kamen an die 8 Millionen Touristen nach Berlin – einer blieb. Es war ein Bayer.

Berlin ist Multikulti. Der Döner gehört zu Berlin wie die Currywurst. Internationalität ist praktisch Teil des Berliner Selbstverständnisses. Doch wie sieht es mit dem Verhältnis Berlins  und der Berliner zu den anderen Bundesbürgern aus? Wenn schon zugezogene Schwaben im Zuge der Gentrifizierung als Feindbild herhalten müssen, um wie viel schwieriger müsste da das Verhältnis der Hauptstädter zu den oft als konservativ und überheblich angesehenen Bayern sein. Bayern und Berlin – kann das zusammenpassen?

Der Münchner Comedian Willy Astor sang dereinst „Bayern is’ überoi“ (Übersetzung für alle des bajuwarischen Idioms nicht mächtigen: Bayern ist überall). Und damit hatte und hat er in gewisser Weise Recht. Bereits auf dem Weg aus dem weiß-blauen Freistaat nach Berlin lassen sich die Zeichen bayerischer Omnipräsenz erkennen. Kaum hat man die Landesgrenze hinter sich gelassen, kommt man auf der Fahrt durch Thüringen an der Autobahnausfahrt der Gemeinde Lederhose vorbei.

Für jemanden, der seine Wurzeln in einer Tourismusregion hat und es seit jeher gewohnt war, jeden Sommer von Touristen aus aller Herren (Bundes-)Länder umgeben zu sein – Bayern war 2008 mit über 26 Millionen Besuchern das beliebteste Reiseland Deutschlands – ist es doch ein irritierender Moment, hier in der neuen Wahlheimat, auch nach einem Jahr noch, selbst als Tourist bezeichnet zu werden. Mehr noch: Bayern ist zwar laut Umfrage das Bundesland, in dem die Deutschen am liebsten leben würden, gleichzeitig aber unter den ostdeutschen Bundesbürgern auch der unbeliebteste Teil Deutschlands.

Vielleicht ist es auch bezeichnend, dass solch abfällige Deklarationen als Tourist in den seltensten Fällen von waschechten Berlinern stammen, sondern meist von vor Jahren selbst Zugezogenen ausgesprochen werden. Es gab Zeiten, da waren auch jene Touristen – aber das würden sie niemals eingestehen.

Martin Schlereth