Insel der Jugend bald Insel der Ruhe? | Umweltamt verordnet Zimmerlautstärke

Seit zwei Jahren gibt es auf der Insel der Jugend am beliebten Treptower Park wieder Konzerte, Kinderfeste und Kino – drinnen sowie draußen. Doch mit den Open-Air-Veranstaltungen ist jetzt Schluss, denn der Etepetete-Anwohnerschaft der neuen Luxushäuser auf der gegenüberliegenden Stralauer Halbinsel waren die Veranstaltungen zu laut.

Insel der Jugend im Herbst © Henrik G. Vogel / pixelio.de

Insel der Jugend im Herbst © Henrik G. Vogel / pixelio.de

Deshalb hat das Umweltamt des Bezirks Treptow-Köpenick den Betreiber der Insel André Szatkowski dazu verdonnert, ab sofort die Lautstärke-Höchstmarke von 55 Dezibel einzuhalten. Zum Vergleich: Auf 55 dB(A) kommt man schon in einem normal lauten Gespräch, eine Nähmaschine bringt es bereits auf 60, ein Fernseher auf 70 und Verkehrslärm auf ganze 75 Dezibel. Für André Szatkowski bedeutet die Anweisung des Umweltamtes, dass seine Insel dieses Jahr weder an der Fête de la Musique teilnehmen noch die geplanten Ritterspiele austragen kann. Wird die Insel der Jugend jetzt zur Insel der Ruhe? War’s das mit Kinderlachen, Kasperletheater und kunterbunten Konzerten?

In Berlin ist das Problem nicht neu: In Bezirken, die durch ein vielfältiges Angebot an kulturellen Veranstaltungen zunehmend beliebter und infolgedessen durch den Bau neuer schicker Eigenheime „aufgewertet“ werden, gibt es meist schon nach kurzer Zeit Lärmbeschwerden der neu Hinzugezogenen. Für die Bars, Clubs und Locations, die die jeweiligen Kieze überhaupt erst lebenswert gemacht haben, bedeutet dies häufig, andernorts neu anzufangen oder eben das Todesurteil in Kauf zu nehmen, wenn sich keine neue geeignete Location findet. Diesmal trifft es aber ausnahmsweise keinen Club in irgendeinem Party-Kiez, sondern das Projekt „Die Insel“ des kulturALARM e.V., und schaut man sich die Insel einmal aus der Nähe an, erscheint es fast schon paradox, dass hier ein „Nachbarschaftsstreit“ im Gange ist. Direkte Nachbarn hat die Insel nämlich nicht. Dennoch haben die Bewohner der sich in nördlicher Richtung am gegenüberliegenden Spreeufer befindlichen Stralauer Halbinsel Beschwerde eingereicht – und Recht bekommen.

Wie unsinnig die Auflage des Umweltamts ist, kann jeder, der einmal nach 22 Uhr durch den Treptower Park oder auch über die Halbinsel spaziert ist, nachvollziehen. Viel lauter als etwaige Veranstaltungen auf der Insel ist nämlich das nächtliche Geschepper aus dem Kraftwerk Klingenberg, welches sich östlich der Stralauer Halbinsel befindet. Dazu kommt – wenn nicht gerade Schienenersatzverkehr fährt – das Vorbeidonnern der S-Bahn-Züge zwischen Ostkreuz und Treptower Park bzw. Rummelsburg. Zwischendurch fährt auch mal ein Motorboot oder eine Yacht vorbei, auf der lautstark gefeiert wird, und die alteingesessenen Berliner Electro-Clubs Sisyphos und Zur wilden Renate steuern sicher auch noch ein paar zusätzliche Bässe bei. Lärm gibt es also so oder so und gab es in Alt-Stralau schon immer. Tatsächlich wurde aufgrund der Lärmbeschwerden nun aber auch das traditionelle Frühlingsfest im Treptower Hafen abgesagt, und sogar die Hausbootbesitzer müssen den Hafen verlassen, denn auch sie waren der Schickimicki-Anwohnerschaft der Stralauer Halbinsel zu laut.

15 Angestellte unterhält der kulturALARM e.V. der Insel Berlin, 120.000 Euro hat er in ihre Wiederinbetriebnahme inklusive kostenlosem Spielplatz investiert; staatlich gefördert wird der Verein nicht. Er lebt von den Pärchen und Familien, Touristen und Berlinern, die sich zu Kaffee und Kuchen auf der Terrasse der Insel niederlassen, auf ihr Boote ausleihen und die verschiedenen Veranstaltungen besuchen. Viele davon kann der Verein aufgrund der neuen Lautstärke-Verordnung nun nicht mehr durchführen. André Szatkowski ist enttäuscht. Er hätte sich einen Dialog mit den Anwohnern gewünscht. Stattdessen haben diese direkt das Bezirksamt eingeschaltet. Wie lange sich die Insel Berlin unter diesen Umständen halten wird, ist unklar. Durch das Grillverbot im Treptower Park könnte die Kundschaft noch weiter schrumpfen. Wer den kulturALARM e.V. finanziell unterstützen möchte, kann dies durch eine Vereinsmitgliedschaft tun. Weitere Infos dazu unter http://www.inselberlin.de.

Veronika Streit (mit Bildmaterial von Henrik G. Vogel / pixelio.de)

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